B L O G     current notes

25. November '22

Heute die Nachricht: HANS MAGNUS ENZENSBERGER ist mit 93 Jahren gestorben.
     Er war nicht unbedingt meine "Blutgruppe", aber dennoch - oder vielleicht gerade deshalb! - habe ich ihn immer gemocht: diesen funkelnden Geist, heiter, vielfach aufmerksam, unberechenbar und von unvergleichlicher Eleganz!
     Ich gucke im Netz nach und lese unter anderem folgende Zitate, die mir aus der Seele sprechen:
"Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuß des Todes."

"Die Politiker sind arme Teufel. Was ist der Zeithorizont eines Politikers? Zwei Jahre, bis zur nächsten Wahl. Weiter kann und darf er nicht denken. In gewisser Weise sind diese Menschen zu bedauern."

"Die Überzeugung, daß er es draußen im Lande mit Millionen von Idioten zu tun hat, gehört zur psychischen Grundausstattung des Politikers."

"Alle reden von Kommunikation, aber die wenigsten haben sich etwas mitzuteilen."

"Heiterkeit ist eine moralische Frage. Mürrische Leute, die andere mit ihren Problemen behelligen, die halte ich für rücksichtslos."

"Mißtraue jedem, der sich selber zu kennen glaubt."


20. November '22, Totensonntag
Schreibübung nach ANGELUS SILESIUS

19. November '22
SÄTZE ZUM NACH- UND WEITERDENKEN von ALBRECHT FABRI (1911-1998),
entnommen aus DER SCHMUTZIGE DAUMEN, gesammelte Schriften (Zweitausendeins)

Zum Thema "Geist":

Die Wohnung des Geistes ist der ewige Bauplatz.

Was wir Wirklichkeit nennen, ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.

Der Geist baut, aber wohnt nicht. Was wohnt, ist die einzige Trägheit.

Not und Glück sind im Geistigen untrennbar eines. Daß der Geist nichts hervorbringen kann, was ein weiteres Hervorbringen erübrigt, ist die Bedingung des Geistes.

Zum Theama "Kunst":

Der eigentümliche Widerspruch der Kunst: Alles in ihr Getane ist endgültig und ein für allemal getan. Gleichwohl bleibt dasselbe in ihr immer von neuem und erstmals zu tun.

Kunst stirbt nicht an Unsicherheit, sondern an Verhärtung zur Konvention.

Entweder ist die Sache selber der Sinn, oder ihr Sinn liegt außerhalb ihrer, und dann hat sie keinen.

"Man versteht Künstler, indem man Künstler wird, sich also selbst versteht", heißt es einmal bei Novalis.

Ein Bild, das sich beschreiben ließe, hätte nicht brauchen gemalt zu werden.



NACHKLANG VON DER LOGOS-TAGUNG
7. bis 11. Oktober '22 in Dortmund

Diese Tagung der Christengemeinschaft mit dem Motto Consecrating Humanity war in mancher Hinsicht gigantisch. Mehr als 2000 Teilnehmer aus vielen Ländern, dabei eine Fülle von Angeboten - acht gleichzeitige kultische Handlungen, -zig Vorträge und Workshops, mehrere simultan laufende künstlerische Veranstaltungen usw.: diese Fülle und Vielfalt fand ich durchaus beachtlich, zumal die Christengemeinschaft ja eine ziemlich kleine Bewegung ist.
       Man sah in diesen fünf Tagen viele muntere, freundliche, aufgeschlossene, ja manchmal leuchtende Gesichter, was ich gar nicht selbstverständlich fand. Erstaunlich auch die Geduld vieler Menschen angesichts der Zähigkeit mancher Abläufe. Mein eigenes Urteil gegenüber gewissen Organisationspannen wurde auch immer milder, zumal ich ebenfalls der Gleichzeitigkeit mancher Anforderungen nicht immer gewachsen war...
       Als Trio jo.FEUERBACH (Angelika Remlinger - Stimme, Andreas Krennerich - Saxophone, Th.R. - Klavier) waren wir als Mitverantwortliche involviert und hatten vier Jobs teils wiederholentlich zu bedienen, mit der Folge, daß wir fast alle Zeit und Kraft für unsere eigenen Aktionen und deren Vorbereitung einsetzen mußten. In meinen Augen eine wunderbare Übung! - Allerdings hatten wir auch die einschneidende Tatsache zu verkraften, daß Andreas ernstlich krank wurde und ab Montag nicht mehr mitwirken konnte. Sehr bitter und traurig! Aber auch ein Ansporn zur Mobilisierung weiterer Kräfte und zu erhöhter Präsenz.
       Mehrmals konnten wir zu kultischen Handlungen frei improvisieren. Der Kultus der Christengemeinschaft, eine besondere Form der Messe (auf der Tagung in verschiedenen Sprachen zelebriert), verlangt von den Musikern ein höchstes Maß an Bereitschaft und Konzentration. Die Einfühlung in den Strom der Sprache und in die darin lebenden Inhalte führt zu einer gewissen Demut, zu einem Verzicht auf Routine und bloßes Rankenwerk. Jeder Ton, jede Bewegung zeigt sich unverhüllt, muß sozusagen wahr sein.
       An drei Tagen haben wir einen Workshop angeboten: Wort, Farbe, Klang - Schöpfungen aus dem Nichts. Es ging um vertiefende Wahrnehmung, um ein Bewußtwerden des jeweils Spezifischen im Hören und Sehen, um freie, improvisatorisch gestaltete Begegnungen zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsebenen, auch zwischen den Teilnehmern, nicht zuletzt um ein anfänglich meditatives Eintauchen in Erlebnisschichten der Stille, ja der "Bewußtseinsleere". Bilder aus der malerischen Werkstatt von Angelika Remlinger und poetisch-meditative Sentenzen diverser Autoren, deutsch und englisch, kamen zum Einsatz. Mit uns waren es maximal zehn Anwesende, die sich in der freien Erkundung stimmlicher Mittel, im vorurteilsfreien Wahrnehmen und in gegenseitiger Verständigung übten.
       Für eine der Plenumsveranstaltungen hatte ich ein Lied geschrieben: "Die Wahrheit tun / Let us do the truth". Mit Hilfe von Andreas und Angelika gelang es erstaunlich mühelos, dies in einem Zelt mit knapp 2000 Anwesenden zu erüben und an Ort und Stelle innerhalb einer kleinen Aufführung mit folgendem Ablauf zu realisieren: 1.) das Lied; 2.) frei gesungene Vokale; 3.) ein Klangraum aus frei gesprochenen Worten; 4.) neue Vokale, wieder frei gesungen; 5.) Wiederholung des Liedes.
       Beglückend war für uns eine Konzertlesung, die wir gemeinsam mit dem Geisteswissenschaftler und Buchautor Laszlo Böszörmenyi gestalten durften - allerdings eben leider ohne Andreas: DIE FREUDE IST DIE LUFT DER NEUEN WELT. Ein Abend mit Worten von Gitta Mallasz, Rudolf Steiner und Georg Kühlewind. Laszlo gab eine Einführung und sprach dann die inspirierenden Texte im Wechsel und in Verflechtungen mit frei improvisierter Musik von uns beiden: Stimme und Klavier (letzteres teils "präpariert"). - Für das Ganze kann hier ein Satz von Laszlo Böszörmenyi stehen: "Die Freude ist eine Urkraft, die schon bei der Schöpfung mitgewirkt hat, und die auch heute jeden schöpferischen Akt begleitet."
       Erstaunlich war für uns, wie aufgeschlossen viele Menschen unseren Beiträgen gegenüber waren. Nicht wenige sind offenbar besonders von Angelikas Art zu singen tief berührt worden. Die langjährige, nicht immer mühelose Üb- und Probenarbeit scheint wirklich nicht umsonst zu sein. Apropos Freude: Ich glaube, wir dürfen uns freuen und sollten dankbar sein, wenn wir "landen" dürfen!
       Aber auch sonst habe ich den Eindruck, daß die Christengemeinschaft sich an der Schwelle zum zweiten Jahrhundert ihres Wirkens tatsächlich anschickt, ihren Anspruch von Offenheit, Freiheitlichkeit und geistiger Lebendigkeit mehr und mehr einzulösen. Klerikal-autoritäre Gewohnheiten sind in Auflösung begriffen, der geistige Horizont scheint sich zu weiten. Das läßt hoffen!


5. Oktober '22

(Ich referiere nicht, was sich in fertiger Form in meinem eigenen "geistigen Haushalt" befindet, sondern indem ich schreibe, koche ich sozusagen Essen. Warum und wozu? Für mein Empfinden muß das Geistige immer wieder neu gesät, gepflegt, geerntet, zubereitet und gegessen werden. Indem ich dies versuche, ernähre ich mich selbst - und vielleicht noch ein paar wenige andere mit. Es ist eine meiner bescheidenen Möglichkeiten, in das Erleben von Geistes-Gegenwart zu kommen.)


4. Oktober '22

Angesichts wiederholter Begegnungen mit philosophischen, naturwissenschaftlichen, spiritualistischen, religiösen und persönlich geprägten Meinungen, Glaubenssätzen, Welt-Interpretationen und dergleichen schrieb ich mir kürzlich Folgendes auf:

So viele Mitteilungen, so viele Antworten.
Ich bleibe in der Frage.

So viel Gewißheit, so viel Sicherheit.
Ich bleibe in der Frage.

So viel Geformtes, so viel Festigkeit.
Ich bleibe in der Frage.

Im Unberechenbaren,
in Wind, Wolke und Flamme bleib ich.
In der Heimat.





29. August '22

In Planung sind im Augenblick u.a. folgende Veranstaltungen:
-   11.09.'22, 11:15, Die Christengemeinschaft in Kassel, Pfeifferstraße 4,
     Ausstellungseröffnung mit Bildern von Johannes Rath,
     Vortrag von Edmund Tucholski, Köln,
     Musik vom Duo SELBANDER:
     Angelika Remlinger - Stimme; Thomas Reuter - Klavier
-   02.10.'22, 15:30, Die Christengemeinschaft in Kassel,
     Gemeindefest mit dem vocaLumen.FRAUENKAMMERCHOR
     und dem Chor der Gemeinde, Leitung Thomas Reuter
-   10.10.'22, 20:00, Dortmund, Mergelteichstraße(?),
     während der LOGOS Tagung der Christengemeinschaft:
     "Die Freude ist die Luft der neuen Welt." Aufführung
     mit Texten von Gitta Mallasz, Rudolf Steiner, Georg Kühlewind.
     Rezitation: Laszlo Böszörmenyi,
     Musik: Trio jo.FEUERBACH
-   22.10.'22, 20:00, Stuttgart, Rudolf-Steiner-Haus, Zur Uhlandshöhe 10,
     während der Meditationstagung "Vom Normalen zum Gesunden":
     "Die Freude ist die Luft der neuen Welt." Aufführung analog 10.10.'22
-   13.11.'22, 17:00, Hannover, Michael-Kirche, Ellernstraße 44
     Musikalische Andacht mit dem vocaLumen.FRAUENKAMMERCHOR,
     Leitung Thomas Reuter
-   19.11.'22, 18:00, Hannover, Michael-Kirche, Ellernstraße 44,
     Andacht zum Totengedenken mit dem Gemeindechor der Christengemeinschaft


22. August '22

Heute konnte ich die Website endlich vom Stapel lassen; ROLAND hat's möglich gemacht! Und womit könnte ich die Premiere feiern? Natürlich keine protzige Premierenfeier... Vielleicht mit einem etwas gewagten Leitspruch aus meinem GOTTSCHALK:

Die Liebe zu dem, was es gibt: Dies ist das Prinzip des Erkennens.
Die Liebe zu dem, was es nicht gibt: Dies ist das Prinzip des Schaffens.



14. August '22

Im April schrieb ich, meine Website sei fast fertig; damals konnte ich Baby nicht wissen, welche Schwierigkeiten es noch machen würde, das Material ins Netz zu stellen...
       Na ja, dann verging sehr viel Zeit, und das weltfremde Baby war mit anderen Dingen beschäftigt - - aber demnächst klappt's vielleicht tatsächlich!

Inzwischen wird gerade meine dritte Textsammlung gedruckt: Friedel Waal - OLGA. Sprüche, Denkzettel, Briefe, von der Seele geschrieben.
       Den Namen Friedel Waal hatte ich mir schon für meine beiden vorigen Anthologien zugelegt: GOTTSCHALK und OSWALD. Alle drei Bände im Selbstverlag. Einige Textproben sind hier auf der Website zu finden.


 


9. Mai '22

TON & ZUNGE. So wollte ich tatsächlich die Website ursprünglich nennen. Vor Jahren hatte ich mal ein Ensemble für Improvisation, das so hieß. "Zunge" traditionsgemäß als Sprache verstanden - aber auch irgendwie bezogen auf das Zungenreden, das in den Paulus-Briefen vorkommt. Eigentlich nach wie vor ein sehr schöner Name, der für das ganze reiche Spektrum zwischen Musik und Sprache stehen kann.
     Ein wohlmeinender Zeitgenosse störte sich damals an dem Ausdruck Zunge, empfand ihn wohl als anstößig. - Aber die "Suchmaschinen" würden TON & ZUNGE sicher erstmal gar nicht musikalisch-sprachlich einordnen, sondern "Ton" evtl. zur Geologie oder Töpferei gehörig, und "Zunge" vielleicht zum Fleischerhandwerk...


7. Mai '22

Ein Freund hat mir dies von Joachim Ringelnatz geschickt:

Den Umfang einer Wolke mißt
Kein Mensch. Weil sie nicht rastet,
Noch ihre Freiheit je vergißt. -
Ich glaube: Keine Wolke ist
Mit Arbeit überlastet.

6. Mai '22
... Mutet tollkühn an, ist aber nicht nur spaßig gemeint:

  • Thema Glück: Ich bin glücklich, wenn die Welt mir Gelegenheit gibt zu bemerken, daß ich mit allem einverstanden bin.
  • Ich bin ein Weltknoten.
  • Bin ich ein GUTER Teufel?
  • Dein Spaß: Erfreue andere. - Deine Pflicht: Freue dich selbst.
  • Man kann nicht ALLES vermeiden.
  • Alles ist wahr - aber nichts steht fest.
  • Warum immer nur fressen? Warum nicht mal gefressen werden?

5. Mai '22

DIALOG MIT KURT SCHWITTERS:

Wer ein Vogel hat, gleicht dem gekrönten Haupte.
-   Wie schön du das sagst, Kurt.
Wir alle gleichen in gewissem Sinne allem.
-   Wie gut du das sagst, Kurt.
Wenn zwei gekrönte Dreier ihr untereinander gleich sind, dann sind sie auch einem Dritten gleich.
-   Wie klar du das sagst, Kurt.
Und warum sollte dieser Vergleich nicht hinken?
-   Ja, warum auch nicht, Kurt?
Und darum steht wohl fest: Wer ein Vogel hat, der hat eben ein Vogel. Da kann man nichts machen.
-   Du bist unvergleichlich, Kurt.


2. Mai '22

FRIEDRICH SCHLEGEL:

Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selber ein Kunstwerk ist, hat kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst.


26. April '22

NOVALIS:

Sollte das höchste Prinzip das höchste Paradoxon in seiner Aufgabe enthalten? Ein Satz sein, der schlechterdings keinen Frieden ließe, der immer anzöge und abstieße, immer von neuem unverständlich würde, sooft man ihn auch schon verstanden hätte? Der unsere Tätigkeit unaufhörlich rege machte, ohne sie je zu ermüden, ohne je gewohnt zu werden? Nach alten mystischen Sagen ist Gott für die Geister etwas Ähnliches.


25. April '22

"Warum mußt du immer so viel mitteilen?" So die Frage einer Freundin. - Ja, wieso versuche ich mich immer wieder mitzuteilen, wo doch völlig unklar ist, ob ich damit landen kann?  Wie jemand, der eine Flaschenpost nach der andern ins Meer wirft...
     Aber würde ich denn damit aufhören, wenn endgültig klar wäre, daß überhaupt keine dieser Mittelungen an "Herzland" gespült werden könnte? Ich glaube, ich würde schon weitermachen, denn immerhin gibt's ja mindestens eine Person, die mir zuhört - und die bin ich selbst.


SÄTZE VON ALBRECHT FABRI:

Entweder ist die Sache selber der Sinn, oder ihr Sinn liegt außerhalb ihrer, und dann hat sie keinen.

Der Künstler denkt, was er tut; der Dilletant denkt sich was dabei.

Geist wird Geist in dem Maß, in dem er leer wird.


20. April '22


19. April '22

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen...

Diese Goethe-Zeile kam mir wieder, als meine Website gerade fast fertig wurde - nachdem ich durch Jahre hindurch gezögert hatte, mich überhaupt auf dieses Medium einzulassen, das ja gar nicht zu mir zu passen schien, zu meiner langsamen, introvertierten Natur!
       Inzwischen habe ich die Sorge vor Überforderung, Ablenkung von Wesentlichem - ja vor Selbstverbiegung - einigermaßen abgestreift... Aber was ist nun entstanden?
       Es bestätigt sich hier zum hundertsten Mal mein Eindruck, daß man gar nicht vermeiden kann, "sich selbst auszudrücken". Wir alle drücken uns fortwährend selber aus, direkt oder indirekt. Auch jemand, der ein Phantasie- und Wunschbild von sich entwirft und dabei seine Schattenseiten verbirgt, drückt seine Wesensart in ebendiesem Vorgang aus - usw.
       So erscheint mir dies hier präsentierte Konglomerat von Texten, Klängen und Bildern tatsächlich als "mein Ausdruck" - vielleicht allmählich noch ganz anders als ich's eigentlich wollte... Aber warum auch nicht? Wenn mir manche Leute Humor nachsagen (eine hohe Ehre), darf ich vielleicht hoffen, daß mich die gute Laune auch nach einiger Zeit beim Ertragen-Müssen meiner Selbstdarstellung nicht verläßt.